Dienstag, 5. Juli 2016

{ Geschichten } Das Zuckerfest

Heute schlagen viele Kinderherzen höher! Der Fastenmonat ist vorbei und das Zuckerfest hat heute begonnen. Wir Türken sind schon ein lustiges Völkchen. Zunächst geiseln wir unsere Körper 30 Tage lang von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mit Durst und Hunger, um an die Armen und Hungernden unter uns zu gedenken, um unsere Körper und Seelen von schlechten Gewohnheiten zu reinigen und um einfach das wertschätzen zu lernen, was wir haben sowie Dankbarkeit zu zeigen. Soweit sehr vorbildlich. Aber was dann darauf folgt, muss von außen wie Ironie aussehen, wenn man sich die Völlerei so anguckt. Aber der Reihe nach. :)
Arife günü, der Tag vor dem Fest, werden noch schnell Blusen gestärkt, die besten Hemden und Hosen rausgelegt, die Kinder gebadet und die letzten Vorbereitungen getroffen. Am nächsten Tag geht das bunte Treiben los. Kinder setzen ihr süßestes Lächeln auf und klingeln überall um Süßigkeiten zu sammeln. Aber nicht nur sie, die Jüngeren statten den Älteren Besuche ab, um ihnen zum Fest zu gratulieren. Kuchen, Gebäck und alles was nicht bei 3 auf dem Baum ist wird in Zuckersirup ertränkt, die Luft ist mit Mokka-Duft geschwängert und Kinder lachen vergnügt überall. Wobei man sich das mit dem Kindergelächter nicht so vorstellen sollte, dass es irgendwo in der Ferne schallt und auch nur ansatzweise harmonisch klingt. Es ist eher direkt am Ohr und eher sehr hysterisch, so wie Kinder eben nach 3 Packungen Smarties und 4 Packungen Gummibärchen so drauf sind.^^ 



Dass man all diese Besuche in diese 3 Tage hineinquetschen muss, hilft auch nicht grade. Überall - und ich meine wirklich überall, bekommt man diese Süßspeisen in Zuckersirup und eine Tasse Mokka dazu serviert und nirgendwo darf man es ablehnen. Mein Rekord lag bei 7 Tassen Mokka und 9 Gebäckteilchen im Zuckersirup innerhalb von 6 Std. Nach so einer Nummer, fragt man sich eigentlich nicht mehr ob man wohl gleich dran stirbt, sondern eher ob es der Zucker- oder der Koffeinschock sein wird.^^

Wenn man das aber alles überlebt hat geht es dann am Abend bei Mutti mit der Völlerei so richtig los. Vorspeisen, Mezze, Salate, Zwischengänge, Hauptgänge und Ihr ahnt es - natürlich zum Dessert etwas was in Zuckersirup ertränkt wurde und ein Mokka hinterher. Wer verheiratet ist darf das Ganze dann am nächsten Abend bei der Schwiegermutter wiederholen. Hach, was bin ich froh, dass die meinige Helga heißt. Das gibt mir etwas mehr Aufschub bis mich der Diabetes dahinrafft. ^^ 



Nein, Spaß :) Ehrlich gesagt, liegt auch immer ein besonderer Zauber in der Luft. Ich erinnere mich gerne an die Tage zurück, als ich selbst noch ein Kind war. Ich weiß noch, dass ich mir eines Tages in den Kopf gesetzt hatte fasten zu wollen. Meine Mama fand zwar, dass ich noch zu jung für war, wollte mir aber nicht die Erfahrung nehmen, also willigte sie ein. Ich hatte natürlich nicht den blassesten Schimmer, um was es wirklich ging, einfach nicht essen bis einer es einem wieder erlaubt war meine Devise. Es war vielleicht noch so eine Stunde zum Fastenbrechen und ich musste irgendwas aus der Abstellkammer holen. Das war auch gleichzeitig unsere Lebensmittelkammer. Auf einmal lachte mich da eine Tafel Schokolade an und ich verschlang sie ohne darüber nachzudenken. Als ich gerade dabei war den letzten Bissen herunterzuschlucken fiel mir siedend heiß ein, dass ich ja eigentlich am Fasten war und das eigentlich gar nicht durfte. Ich war wie versteinert. Wurde ganz still, so wie wenn man eben was ausgefressen hat. Doch nichts passierte. Ich beschloss es niemanden zu verraten, denn wenn es niemand gesehen hat, dann ist es auch nie passiert. Als ich die Tür aufschloss und die Kammer verließ fiel mir ein, dass es doch aber sicher Gott gesehen hat. Für ihn hat man doch irgendwie schließlich all das veranstaltet. Ich dachte in meiner kindlichen Naivität, dass gleich eine Schelte aus dem Nichts kommen könnte. Die Strafe von Gott sozusagen. Aber nichts passierte. Cool, ich wusste schon immer, dass die Abstellkammer ein besonderer Ort war. Nicht mal Gott konnte offensichtlich reingucken, sonst hätte er mich doch schon längst gestraft.^^


So kam es, das ich jeden Tag ins heimliche Zimmer schlüpfte wenn ich Hunger bekam und mir mit irgendwas den Bauch voll schlug. Eines Tages war die Ausbeute so groß, dass ich immer wieder in die Abstellkammer musste, denn unser Nachbarsjunge hatte Kommunion und die Nachbarin hatte uns ganz viel Schokotorte und Kuchen vorbei gebracht. Ich muss wohl zu oft in die Kammer hinein gegangen sein. Gerade als ich das Stück Schokotorte in den Mund schieben wollte, hatte ich sie auch schon im Gesicht. Die Kammer war klein und meine Mutter öffnete die Tür, um zu gucken was ich da anstelle die ganze Zeit und knallte mit der Tür gegen meine Hand. Der Anblick von einem Haufen Schoko-Sahne irgendwas mit zwei Kuller-Augen mittendrin muss sie sehr belustigt haben, sie lachte jedenfalls noch Stunden danach Tränen. Das war dann auch das Ende meines Fasten-Abenteuers.^^


Als Erwachsener habe ich zwar nie wieder gefastet aber mir gefällt die Idee und ich finde es richtig Menschen nicht zu vergessen, die in Armut leben, ich finde es wichtig sich Gedanken über seinen eigenen Konsum zu machen und auch Dankbarkeit zu zeigen für alles was man hat.

Gefeiert wird jedenfalls noch bis Donnerstag. Falls Ihr türkische Nachbarn habt, traut Euch und klingelt doch mal. Ihr seid sicher mehr als willkommen!
Einen Mokka und Gebäck mit Zuckersirup gäbe es allemal! ;)

In diesem Sinne: Bayraminiz mübarek olsun! 


Bleibt mir hungrig!
Eure Sibel

Kommentare :

  1. Wunderbar geschrieben. Ich habe gestern etliche aufgeputzte Familien in Berlin gesehen, die waren dann wohl gerade unterwegs zum nächsten Zuckerschock. Schade, dass ich keine türkischen Nachbarn habe, ich wäre da zu gern dabei!

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  2. Hab mich sehr amüsiert - die vielen Süssigkeiten reihum samt dem Kaffee sind ja wirklich Hardcore für den strapazierten Magen! Hierzulande isst man zu Thanksgiving bis zum Abwinken, aber es wird nicht so viel Kaffee getrunken (dafür Cola, bah!).

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  3. Liebe Sibel,

    Ich habe so gelacht, danke für diesen schönen Bericht. Ich hatte das Glück 2008 das Zuckerfest in Aleppo zu erleben. Das war der Wahnsinn, so viele Menschen, bis spät in die Nacht mit Kind und Kegel unterwegs, überall Süßes, gute Laune, Musik. Autos kamen nicht durch, die Straßen waren voller Menschen. Und wir dürften in unserem Hotel mit dem Besitzer und seiner Familie feiern, ein unvergessliches Erlebnis! Liebe grüße Jessi

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  4. Danke, dass Du Deine schönen Kindheitserinnerungen mit uns teilst. Zu schade, dass wir hier in Rom keine türkischen Nachbarn haben. :-) Und ich kenne durch eine liebe türkische Kollegin meines Mannes ein einziges türkisches Restaurant.
    Saluti
    Ariane

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